Diagnostik

Die Diagnose einer Tic-Störung bzw. des Tourette Syndroms sollte von einem erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater bzw. einem Neurologen gestellt werden.

Die Diagnose wird klinisch gestellt. Der Beginn liegt meist zwischen dem 6. und 8. Lebensjahr.

Häufig beginnt das Tourette-Syndrom mit motorischen Tics im Gesicht. Im weiteren Verlauf treten die Tics auch am Kopf, an den Schultern, am Rumpf oder an den Extremitäten auf. Vokale Tics treten oftmals erst 2-3 Jahre später auf. Ein obligates Diagnosekriterium sind spontane Fluktationen der Tics, nicht jedoch eine besondere Schwere oder das Vorliegen der Koprolalie.

Das Tourette-Syndrom wird oftmals von Komorbiditäten begleitet: ADHS, Zwangsstörung, Depression, Angststörung und autoaggressive Handlungen.

Notwendige Untersuchungen

  • Neurologischer Status
  • Beschreibung von Art, Häufigkeit, Intensität und Verteilung der unwillkürlichen Bewegungen (aktuell und anamnestisch) sowie funktioneller Zusammenhänge (z. B. Stress)
  • Detaillierte Anamnese, insbesondere bzgl. Medikamenten, Infektionen
  • Orientierende Abklärung assoziierter Störungen (ADHS, Zwangssymptome)
  • Basislabor mit Blutbild, Entzündungsparametern, Kreatinkinase
  • Kraniale Computer- oder MR-Tomographie (falls differenzialdiagnostische Zweifel bestehen)

Im Einzelfall erforderlich (vorrangig wegen der Differenzialdiagnose)

  • Elektroenzephalographie
  • Video-Dokumentation
  • Orbicularis-oculi-Reflex
  • Ableitung von EEG-Bereitschaftspotenzialen
  • Backward-Averaging bei uniformen Bewegungen
  • Positronen-Emissionstomographie, HMPAO-SPECT
  • Psychiatrische Untersuchung, insbesondere hinsichtlich Zwangssymptomen und ADHS
  • Neuropsychologische Untersuchung
  • Suche nach > antineuronalen Antikörpern im Serum (bei postrheumatischer Chorea), Antistreptolysin-Titer, Antiphospholipid-Antikörper

Ausschluss anderer Bewegungsstörungen

  • Chorea Huntington, Schlaganfall, Chorea Sydenham, Multiple Skerose, Substanzwirkung (z.B. Neuroleptica)
  • Dystone Bewegungen – langsame Drehbewegungen, längere muskuläre Anspannung
  • Myoklonien – kurze, unkoordinierte Zuckungen einzelner Muskeln
  • Hemiballistische Bewegungen – periodische, grobe, ausholende Bewegungen der Gliedmaßen
  • Spasmen – stereotyp, langsamer, länger anhaltend
  • Synkinesien – unwillkürliche Bewegungen, die willkürliche begleiten

Die Diagnose wird gemäß der Klassifikation nach ICD 10 gestellt:

Vorübergehende Tic-Störung (F95.0 ICD 10)

Die Tics sind häufig Blinzeln, Grimmassieren, Kopfschütteln und halten weniger als ein Jahr an.

Die vorübergehende (transiente) Tic-Störung ist eine häufige Störung des Kindesalters und geht meist nur mit gering ausgeprägten einfachen motorischen Tics einher.

Diese Diagnose kann verlässlich nur rückblickend gestellt werden.


Chronische Tic-Störung (F95.1 ICD 10)

Motorische oder vokale Tics treten nicht zugleich, sondern einzeln, meistens jedoch multipel, auf und dauern länger als ein Jahr an.

Die chronische vokale Ticstörung tritt sehr selten auf.

Die chronische motorische Ticstörung unterscheidet sich vom Tourette Syndrom nach derzeitiger Definition lediglich durch das Fehlen vokaler Tics. Im Vergleich zum Tourette Syndrom treten einfache motorische Tics häufig auf, komplexe Tics und autoaggressive Handlungen selten.


Gilles de la Tourette Syndrom (GTS) (F95.2 ICD 10)

Das Tourette-Syndrom ist gekennzeichnet durch eine Vielzahl von motorischen, vokalen und sensitiven Tics. Es müssen gegenwärtig oder in der Vergangenheit multiple motorische Tics und mindestens ein vokaler Tic vorgekommen sein, die aber nicht zwingend gleichzeitig auftreten müssen.

Die Erkrankung beginnt meist im Kindes- oder Jugendalter, jedoch vor dem 18. Lebensjahr.

Die Tics treten mehrmals täglich und länger als ein Jahr auf.
Betroffene sind nicht mehr als drei aufeinanderfolgende Monate ticfrei. Einige Betroffene können ihre Tics zeitweise unterdrücken, in Folge kommt es jedoch zu heftigen „Ticentladungen“. Tics sind veränderlich, das heisst, manche verschwinden im Laufe der Zeit, neue Tics entstehen.

Für die Diagnose werden Fluktuationen der Tics im Verlauf gefordert.


Sonstige Tic-Störungen (F95.8 ICD 10)


Tic-Störung, nicht näher bezeichnet (F95.9 ICD 10)


Sekundäre Tics

Sehr selten treten Tics als sekundäre Erkrankung auf.

In Betracht kommen medikamentös induzierte, postenzephalitische oder posttraumatische Tics. Gelegentlich finden sich Tics auch nach Kohlenmonoxydvergiftungen, Tumoren oder bei der Neuroakanthozytose. Wichtig ist, an die Möglichkeit medikamentös induzierter Tics zu denken. Insbesondere bei Kindern kann die antiepileptische Therapie mit Paroxetin, Lamotrigin (Sotero de Menezes et al. 2000) oder Carbamazepin (Robertson et al. 1993) zum Auftreten von Tics führen.

Als Hinweis auf eine entzündliche Genese lassen sich sehr selten antineuronale Antikörper (nach Streptokokken-Infektion), insbesondere Serumantikörper gegen Basalganglien (ABGA) nachweisen (Edwards et al. 2004). Die pathogenetische Bedeutung der Antikörper ist aber noch nicht ausreichend geklärt, so dass zumindest bei Kindern von einer routinemäßigen serologischen Untersuchung von Tic-Patienten oder gar einer antimikrobiellen Therapie abgeraten wird. Inwieweit die genannten Antikörper bei Erwachsenen von Bedeutung sind, ist gegenwärtig ebenfalls unklar.


Aktuelle Leitlinien für die Diagnostik und Therapie von Ticstörungen

http://www.awmf.org

Leitlinien_Tics L1 DGN

Alle Leitlinien wurden nach den Vorgaben der AWMF erstellt.
weiter zur allgemeinen Erklärung  und zum Aufbau von Leitlinien


Übersichtsarbeit: Tourette-Syndrom und andere Tic-Störungen in Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter, Dtsch Arztebl Int 2012